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Mein Rollstuhl verdient keinen Titel

by Arin Jaafar

„Dachdecker wollte ich eh nicht werden: Das Leben aus der Rollstuhlperspektive“, „Kann man da noch was machen? – Geschichten aus dem Alltag einer Rollstuhlfahrerin“, „Mein Leben und wie ich es zurückgewann“, „Das Glück geht nicht zu Fuß: Wie mein Leben ins Rollen kam“ (.…) Das sind alles Titel von Büchern, die sich rund um das Thema „Leben im Rollstuhl“ drehen.

Auch ich habe einige dieser Bücher gelesen und in der Vergangenheit selbst mal überlegt darüber zu schreiben. Doch bei genauer Betrachtung, machte es für mich kein Sinn. Ohne irgendwie gehässig zu wirken, oder irgendjemanden persönlich angreifen zu wollen, muss ich bei solchen Büchern immer schmunzeln. Ist es nicht ein Widerspruch, wenn so viele Rollstuhlfahrer nicht auf ihre Behinderung reduziert werden wollen und diese Bücher genau das zelebrieren? Diese Lektüren handeln ausschließlich davon und bestätigen jedes Klischee.

Wir möchten von der Gesellschaft akzeptiert werden und ein Mitglied davon sein. Andererseits meckern wir ständig nur darüber, wie schwer wir es doch haben und das niemand etwas für uns tut. Für mich ist das exakt dieselbe Diskussion, wie bei der Integrationsdebatte. „Zur Integration gehören immer beide Seiten.“ Genauso denke ich auch über die Inklusionsdebatte. Es reicht nicht Gesetze oder Rechte zu haben, wenn Sie gerade mal 20% – 30% der körperlich behinderten Menschen für sich nutzen. Was bringt es denn eine Schwerbehindertenquote zu haben, wenn viele Behinderte nur in der Behindertenwerkstatt arbeiten. Was bringt es denn, Diskos und Kinos behindertengerecht umzubauen, wenn Sie kaum jemand mit körperlicher Beeinträchtigung nutzt? Es gibt bereits unzählige Möglichkeiten, die viele von uns nicht kennen, weil viele darauf warten, dahin geführt zu werden.

Selbstverständlich ist das nicht immer einfach. Sowohl in meinem ersten, als auch in meinem zweiten Studium hieß es immer: „Oh, also Sie sind bei uns die erste Rollstuhlfahrerin.“ Ich wäre gerne mal, bei solchen Angelegenheiten, nicht die Erste. Die Hochschulen, auf denen ich war oder bin, glauben immer, dass sie sich ein Bein ausreizen, wenn ich eine Prüfungsverlängerung bewilligt bekomme oder Sie es geschafft haben nach Jahren eine Rampe irgendwo hinzubauen. Und apropos Beinausreizen, danach werben solche Hochschulen mit ihrem behindertengerechten Campus. So als wäre es schon immer so gewesen.

Fakt ist einfach, dass einem nichts im Leben einfach so zufliegt. Jeder Mensch muss für sich selbst kämpfen und nicht darauf warten am Händchen gepackt und sicher ans Ziel gebracht zu werden.
Ich kann und möchte hier nicht für Andere sprechen. Dieser Text ist lediglich eine Auffassung von mir. Für mich ist meine Behinderung das einzige Gewöhnliche an mir. Sie ist so leicht zu durchschauen und unglaublich langweilig. Es ist genauso wie der Tod. Er begleitet uns immer, doch hören wir deshalb auf zu leben, weil wir alle wissen, dass wir irgendwann sterben werden? Ich bin das eigentlich Ungewöhnliche. Das was ich daraus gemacht habe, ist das was mich zu dem macht, was ich bin, nicht mein Rollstuhl!

Nicht mein Rollstuhl schreibt diese Kolumne, nicht er studiert, nicht er schreibt Bücher, sondern ich. Auch wenn ich weiß, dass wenn man mich beschreibt oder vorstellt, es als erstes heißt „Arin, die Rollstuhl-fahrende Studentin, Arin, die Rollstuhl-fahrende Kolumnistin, Arin, die Rollstuhl-fahrende Deutsch-Syrerin. Es ist ok, wenn mich andere so beschreiben wollen, doch ich werde es nicht tun. Wenn ich das tun würde, würde ich mich selbst in den Hintergrund stellen. Im Hintergrund verbirgt sich jedoch schon meine Migration. Das ist eine andere, marode Baustelle, die keinen fruchtbaren Boden mit sich trägt und die kein Gast bei sich empfangen kann. Ich möchte in meinem Leben im Mittelpunkt stehen, auch wenn meine Behinderung sich vermutlich ewig in den Vordergrund schleichen will.

Falls alles gut geht, veröffentliche ich in diesem Jahr mein Buch. Dieses handelt von mir und davon, was ich in den letzten Jahren erlebt habe. Mein Rollstuhl kommt darin kaum vor. Denn mein Rollstuhl verdient keinen Titel.

von Arin Jaafar

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