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„Vor dem Gesetz ist jeder Mensch gleich“

by Arin Jaafar

„Vor dem Gesetz ist jeder Mensch gleich“

Über Geld spricht man nicht – Aber mich würde interessierten, wie das andere Rollstuhlfahrer machen, die ein Studium absolviert haben.

Seit einigen Wochen kämpfe ich mit den Behörden und Ämter, weil ich finanzielle Probleme habe. Normalerweise beziehe ich ein „persönliches Budget“, dass Träger übergreifend ist und mir eigentlich die Teilhabe am Leben ermöglichen soll. Nach nun zwei Jahren ist dem Amt aufgefallen, dass ich mit diesem Geld auch meine Studiengebühren, Miete, Versicherung und allgemein mein Lebensunterhalt bestreite.

Was ich jedoch nicht wusste ist, dass das gar nicht erlaubt ist. Ich darf mit dem Geld mir Assistenten, Pfleger und Haushaltshilfen bezahlen, jedoch nicht meinen eigenen Lebensunterhalt. Auf gut Deutsch gesagt: „Mein Hintern sollte optimal gepflegt werden, aber ob dieser Hintern ein Dach über den Kopf hat, spielt keine Rolle!“

In den letzten Wochen konnte ich kaum eine Vorlesung besuchen, da ich von einem Amt zum anderen gerannt bin, um zu wissen, wie es nun weitergehen soll. Letzte Woche war ich zum ersten Mal bei einem Jobcenter – Offen gesagt kann ich alle Menschen, die sich freiwillig dazu entschieden haben auf der Straße zu leben verstehen. Diese Demütigung, die man über sich ergehen lassen muss, um sein Geld zu bekommen, möchte sich nämlich kein Mensch freiwillig antun.

Ich saß da und der Sachbearbeiter kam rein. Alle Unterlagen lagen bereit und der Typ starrte mich von oben bis unten an.

„Ich dachte, ich hätte heute eine normale Studentin hier sitzen und keine Rollstuhlfahrerin.“ Sagte der Beamte.

„Ich wünsche ihnen auch ein guten Morgen.“ Antwortete ich.

Er fuhr regungslos fort: „Ich lese hier aus den Unterlagen heraus, dass Sie Studentin sind und kein Bafög erhalten. Was wollen Sie hier und warum bekommen Sie kein Bafög?“

Ich:“ Da mein BWL Studium mein 2. Studium ist, bekomme ich kein Bafög. Mir wurde gesagt, dass ich mich hier melden soll, um meine Situation zu schildern und zu wissen, ob Sie mir vielleicht helfen können oder wissen, wo hin ich gehen muss.“

Eine Stunde lang erklärte ich ihm, was mein Problem sei und das ich nicht mehr weiterwüsste. Er blickte mich erneut griesgrämig an: „Ich arbeite seit zehn Jahren als Abteilungsleiter und sowas wie Sie bzw. ihren Fall, habe ich noch nie erlebt.“

Schon wieder bin die die Erste – In der Grundschule war ich die erste Rollstuhlfahrerin, in der weiterführenden Schule war ich die Erste Rollstuhlfahrerin, im Studium und nun wieder.

Nur so als keiner Tipp für die nicht körperlich behinderten Leser da draußen, die Bezeichnung „die Erste“ in solchen Fällen ist immer negativ behaftet.

Er lies mich alles drei Mal erklären und beantwortete all meine Fragen immer stets mit „Weiß ich nicht, keine Ahnung, ich kenne mich damit nicht aus…“

ich wurde langsam wütend und stellte ihm die Frage, wer es sonst wissen sollte, wenn er es nicht weiß. Dann kam einer meiner Lieblingssätze, die er an diesem Vormittag zu mir sagte. „Wenn Sie arbeitslos wären, könnten ihnen viele Ämter helfen, aber so als Studentin…?! Brechen Sie doch ihr Studium ab oder gehen Sie arbeiten.“

Mir platzte der Kragen: „Mir fehlen grade mal 2-3 Semester. Abgesehen davon, würde ich ja gerne arbeiten, aber sagen Sie mir doch, wer mich als ungelernte und beeinträchtigte Kraft beschäftigen würde?“

„Das weiß ich doch nicht.“ sagte er zum hundertsten Mal. Ich wollte mir nichts mehr anhören und verabschiedete mich von ihm. Ich wollte nur noch rausgehen.

Am selben Vormittag rief ich das Wohnamt an. Die Frau am Telefon war so nett, dass Sie gleich nach: „Guten Tag, ich bin Studentin“, mir ins Gesicht aufgelegt hat.

Kein Grund um auszuflippen, sagte ich mir und habe versucht, die Behindertenbeauftragte des Saarlandes zu erreichen. Wenn es jemand wissen sollte, dann Sie – Dachte ich zumindest. An diesem Tag wiederholte ich zum gefühlt 10.000sten Mal meine Geschichte und die Frau antwortete: „Sowas wie ihren Fall, habe ich zum ersten Mal. ich war für alle saarländischen Ämter und Behörden scheinbar ein nie dagewesenes Phänomen. In ihren Augen hatte ich zwei Behinderungen – meine körperliche Benachrichtigung und die Tatsache, dass ich Studentin bin!

Als ich dann wieder Zuhause ankam, rief ich meine Anwältin an, um ihr zu berichten, was für ein „tollen“ Vormittag ich hatte. Und ja, auch für sie war ich ein Sonderfall. Sie erklärte mir, dass ich aufgrund meines Studenten-Status nahezu aus jedem Raster falle und auch sie nicht weiß, wie es weitergehen soll.

Soll ich nun wirklich glauben, dass ich arbeitslos Zuhause sitzen sollte, um keine Existenzängste mehr zu haben? Scheinbar ist man in diesem Land, als Arbeitsloser besser aufgehoben, als ein Student. Ich habe mich für das Studium entschieden, um irgendwann finanziell unabhängig zu sein. Nun fühlt es sich wie eine Bewährungsprobe an oder eine Strafe. Bewirke ich in einer Behindertenwerkstatt wirklich mehr für das Bruttoinlandsprodukt, als wenn ich selbst arbeiten würde? Warum wird das Leben als Student so schwer gemacht – Ist das Studium an sich nicht schon schwer genug?

Ich frage mich, ob es eine Statistik existiert, dem dokumentiert wurde, wie viel Menschen mit Behinderungen studieren – Es kann doch nicht sein, dass ich damit komplett alleine stehen!

Seit Jahren versuchte ich diese Opferrolle zu umgehen bzw. zu umfahren. Ich möchte mich nicht in irgendeiner Nachmittagssendung entblößen und dieses Klischee, der armen benachteiligten Rollstuhlfahrerin präsentieren. Ich kann mir nämlich schon ganz genau vorstellen, wie das Ganze ablaufen würde. Vermutlich würde man auch oft genug mein Migrationshintergrund erwähnen – Ich wäre ein gefundenes Fressen für alle Privatsender!

Es gibt unzählige Bücher, Vereine und Organisationen für Menschen mit Behinderungen, aber niemand schreibt oder sagt konkret, was man bei so einem Fall machen kann. Wo sind diese ganzen Sozial-Aktivisten, wenn man sie brauch. Für alles gibt ein hier ein Gesetz, sogar für Hunde und Kleingärtnervereine. Ich habe mich noch nie vom System so gestoßen gefühlt, wie jetzt.

Und Apropos Gesetz: Ich frage mich, wie viel es kosten würde, wenn ich bis zum Ende meines Studiums ins Gefängnis gehen würde. Wäre es billiger mich in eine Zelle zu stecken, (die sehr vermutlich auch erst behindertengerecht gebaut werden müsse – Ich glaube nämlich, dass ich da auch die Erste wäre), als mir zu helfen in Freiheit mein Studium zu beenden? Der Vorteil dabei wäre, dass ich im Knast nicht abgelenkt wäre und viel mehr Zeit hätte, für meine Klausuren zu lernen.

Ich denke, dass man an diesem Fall gut erkennt, was der Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Gerechtigkeit! „Vor dem Gesetz ist jeder Mensch gleich“ – Doch was ist, wenn man nicht die gleichen Voraussetzungen, wie ein anderer Mensch hat?

von Arin Jaafar

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